kopf sozialpsychiatrie 670

Eine besondere Fachstelle

In den 70er-Jahren wurden die grossen gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüche der damaligen Zeit auch im Kanton Schwyz spürbar. Insbesondere die Aufweichung der Geschlechterrollen löste bei Paaren viele Unsicherheiten aus. Deshalb schlossen sich Mitte der 70er-Jahre verschiedene Schwyzer Frauen zusammen, um gemeinsam für eine Eheberatungsstelle einzutreten. Der Frauenbund organisierte und koordinierte das Engagement. Verbunden durch das gemeinsame Anliegen, gründeten die Frauen schliesslich den Verein VESS (Verein für Ehe-, Sexual- und Schwangerschaftsberatung).

Nach jahrzehntelangem Einsatz wurde der Grundstein für die Beratungsstelle am 16. April 1986 gelegt: Damals beschloss die Generalversammlung des Vereins, dass künftig neben der Eheberatung auch Sexual- und Schwangerschaftsberatung angeboten werden soll. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten Frauen oder Paare aus dem Kanton Schwyz im Falle einer unerwünschten Schwangerschaft sich an die Frauenzentrale in Zug wenden, die aus diesem Grund immer weniger Kapazität für die Frauen aus ihrem Kanton hatte und die Schwyzerinnen aus diesem Grund abweisen musste. Mit der Schaffung der Beratungsstelle für Ehe-, Sexual- und Schwangerschaftsberatung war der Kanton Schwyz schweizweit der letzte Kanton, der Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaften eine kostenlose Beratung zur Verfügung stellte - der Bund hatte dies schon 1981 von den Kantonen gefordert. Während der folgenden 19 Jahre stand die Beratungsstelle unter der Ägide des Vereins für Ehe-, Sexualität- und Schwangerschaftsberatung, deren bekannteste Präsidentin Josy Gyr war. Im Jahre 2005 wechselte die Trägerschaft zum Schwyzerischen Verein (heute Stiftung) für Sozialpsychiatrie. Bei diesem Wechsel wurde die Beratungsstelle in Fachstelle für Paar- und Familienberatung umbenannt.

Heute vereint die Fachstelle drei Beratungsstellen unter ihrem Dach: die Paarberatung, die Familienplanungsstelle und die Scheidungsberatungsstelle. Was andere Kantone in drei Stellen mit je einer Infrastruktur lösen, organisiert der Kanton Schwyz in einer einzigen, was neben der Niedrighaltung der Kosten zu einer sinnvollen Konzentration vielfältigster Angebote für Paare und Familien an einem einzigen Ort führt.

Kerngeschäft Liebe
Ausgehend von der Eheberatung, hat sich das Angebot der Beratungsstelle in den letzten 25 Jahren stark erweitert. Dies hat mit den immer komplexer werdenden Fragestellungen rund um Partnerschaft und Familie zu tun, die auch auf der Gesetzesebene Eingang fanden. Gleich geblieben ist, dass die Fachstelle von Paaren und Einzelnen mit Anliegen rund um die Liebe und deren Schwinden aufgesucht wird. Während die Schwerpunkte früherer Klientinnen und Klienten auf der Paar- und Eheberatung lag, kommen heute vermehrt auch Paare auf die Fachstelle, die sich auf faire Art trennen möchten und trotz Trennung darum ringen, gemeinsam Eltern für ihre Kinder zu bleiben. Das vielfältige Angebot der Fachstelle umfasst heute die folgenden Schwerpunkte:

• Paar- und Eheberatung
• Trennungs- und Scheidungsberatung/Mediation
• Familienberatung
• Sexualberatung
• Information über Familienplanung und Verhütung
• Schwangerschaftskonfiktberatung (bei ungewollter Schwangerschaft)
• Schwangerschaftsbegleitung Information zu pränatalen Untersuchungen
• Beratung bei ungewollter Kinderlosigkeit
• Bibliothek zu den Beratungsthemen

Das Bewusstsein, dass Weiterbildung in jeder Berufsgruppe Sinn macht, lässt sich nun auch in der grössten Berufsgruppe - bei den Eltern - im Kanton Schwyz umsetzen: Neben der Beratungstätigkeit engagieren sich die Berater und Beraterinnen in der Elternbildung. Gemeinsam mit der EB FFS Schwyz und zusammen mit allen Fachstellen, die im Kanton Schwyz mit Kindern und Familien arbeiten, organisiert die Fachstelle den Schwyzer Elternbildungstag mit.

Verankerung in der Bevölkerung
Durch die Vernetzung mit den anderen Beratungsstellen und die stetige Öffentlichkeitsarbeit ist die Fachstelle in der Schwyzer Bevölkerung mittlerweile gut bekannt. Frauen und Männer aus allen Gemeinden, Berufs- und Altersgruppen und den verschiedensten Familienkulturen suchen die Fach-stelle auf, um für sich und ihre Liebsten neue Wege zu finden - der Liebe zuliebe. Im Gründungsjahr 1986 wandten sich 65 Personen an die Beratungsstelle - 2009 sind es bereits über 1200 Personen, die eine Beratung in Anspruch nahmen (846 Personen) oder einen Kurs besuchten (369 Personen). Der Grund für die gute Verankerung in der Bevölkerung hat sicher auch damit zu tun, dass es dank den zwei Standorten Pfäffikon und Goldau für alle im Kanton möglich ist, eine der Fachstellen gut zu erreichen. Die stetig steigende Nachfrage hatte eine Stellenaufstockung von 60 Prozent (1986) bis auf 300 Prozent (2010) zur Folge. Heute arbeiten drei Beraterinnen, ein Berater auf der Fachstelle, unterstützt durch eine Fachkraft im Sekretariat.

Lustvoll Beziehung leben
Die Fachstelle unterstützt Paare nicht nur bei Problemen, sondern gibt ihnen auch Anregungen, wie eine Beziehung lebendig bleiben kann. Weil es nicht jedermanns Sache ist, einen Paarkurs zu besuchen, bietet die Fachstelle unter dem Motto „Lustvoll Beziehung leben" Veranstaltungen an, in denen präventive Inhalte in einem kulturellen Rahmen und n vergnüglicher Form vorgestellt werden. Dabei entwickelte sich Bernhard Ludwigs Seminarkabarett „Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit", dargeboten von der Kabarettistin Nicole Käser, zu einem regelrechten Renner. Schon dreimal vermittelte sie dem Schwyzer Publikum, was es schon immer über die wichtigste Nebensache der Welt wissen wollte, aber sich nicht zu fragen getraute. Weitere Leckerbissen in dieser Veranstaltungsreihe waren der Liederabend des Duos „Pfeffermond" zum Thema Liebe und das Menu d'amour mit aphrodisischen Speisen und Getränken.

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